Das Anstandsstück

 

„Nein, danke“, heuchelte jeder mit Lächelgesicht,

„nein, ich bin schon satt, ich möchte nicht.“

So sprachen sie alle, wohlerzogen

und hatten noch Hunger, während sie logen.

Die Dame des Hauses bot’s allen zwar an,

das „Anstandsstück“ – doch – niemand kann

vor all den anderen dieses sich nehmen.

Es würde zwar schmecken, doch würd’ man sich schämen.

Man hat eben „Anstand“, und das tut man nicht,

selbst wenn der Hunger den Magen zersticht.

Das letzte Stück duftendes, leckeres Fleisch

ging ’rum erkaltend vergeblich im Kreis.

„Nein, danke!“, sagte jedermann.

Da rief die Dame den Johann,

den Diener des Hauses und flüsterte ihm:

„Geh mal zum Sicherungskasten hin

und dreh’ die Sicherung kurz ’raus!“

Und Johann ging, und das Licht ging aus.

Nach kurzem Gemunkel gab’s ’n kräftigen Schrei,

dann Gewimmer im Dunkel „oh je“ und „oh weih“.

Schnell drehte Johann die Sicherung rein –

da sah man das Unglück im Lampenschein:

Eine Hand auf dem Fleisch, und die total hin,

denn wohl zwanzig Gabeln steckten drin ...

 

Und die Moral von der Geschicht’?

Zu Lügen aus „Anstand“ bringt es nicht!

Sag’, was du denkst und dies grade ’raus.

Sprich dich ehrlich und offen aus.

Sag’, was du willst, und sag’, was du brauchst,

sag’, was du fühlst und auch, was du glaubst!

Freundlich und maskenlos ehrlich zu sein,

bringt dir am Ende viel Besseres ein.

Denn andernfalls droht dir der Konjunktiv:

Hätte ich bloß!“

– und –

manches geht schief.

Du hast ja dazu

viel zu lange geschwiegen.

Keiner wird froh

mit Anstandslügen.

(Rüdiger Fuchs 2003, nach einem Witz)