Das Trostlied des Baumes
Ein alter, knorplig-schöner Baum
sieht deshalb ganz besonders aus,
weil er schon seit sehr vielen Jahren
gewachsen ist im Zeitverlauf.
Es formte ihn ein jedes Jahr,
weil jedes Jahr ganz anders war.
Und grade auch die schweren Zeiten,
Stürme, Hitze, Eis und Kälte,
mal zu viel Nass, mal Trockenheiten,
all das, was einen Baum so quälte,
hat jene Spuren hinterlassen,
die solchen Baum besonders machen.
Hier eine Wunde, dort eine Krümmung
und mancher abgebroch’ne Ast,
der irgendwann, vor langer Zeit,
brach unter einer großen Last.
Die Höhlung drüben, die ’ner Eule
gibt trefflich Wohnung, wuchs durch Fäule.
Ein Astloch wurde schmerzlich größer,
weil Regen, Pilze und Insekten
so viele Jahre in ihm fraßen
bis Vögel sich darin versteckten
und Eichhörnchen und Marder auch,
die suchten oft die Höhle auf.
Schon als der Baum ganz jung gewesen,
da formte ihn der Wildverbiss.
Er kämpfte um sein junges Leben,
bestand so manches Ärgernis.
So wurd’ der Baum – und – hör’, sei leise,
dann singt er seine Lebensweise,
singt davon, dass grad Schmerz es war,
der ihn so formte Jahr für Jahr.
Er tröstet dich, der alte Baum:
„Halt aus! Im
Rückblick wirst du sehn:
so manches, was
dir jetzt missfällt,
es muss dir zwar
als Not geschehn,
doch macht es dich
im Lauf der Zeit
für andre zur
Besonderheit,
und du lernst
draus und wirst auch weise.
Sie macht dich
stark und lebensklug,
so, wie sie ist,
die Lebensreise,
grad weil sie dir auch Wunden schlug.“
(Rüdiger Fuchs, für Herrn
Dr. Wölfel, 31. 12. 2003)