Der Pyrrhus-Sieg(er)
Manch starker Sieger übersieht,
was ihm bei seinem Sieg geschieht,
dass nämlich seine große Schlacht
gewonnen ihn ganz einsam macht.
Was nützt dir gnadenloses Ringen,
kannst du den Gegner nicht gewinnen?
Die Freunde kennen dich nicht wieder
oder sind längst weggeblieben.
Die Feinde rangst du alle nieder.
Wer wird dich nun am Ende lieben?
Zwar „Sieger“ du dich nennen kannst.
Doch alle haben vor dir Angst
und keiner ist mehr zu dir ehrlich.
Stets Siegenwollen ist gefährlich.
Viel besser wär’s, zu überzeugen,
anstatt die andern immer beugen,
statt kämpfend mehren Wut und Leid.
Freu dich doch an Verschiedenheit!
Mann muss nicht immer einig sein,
schon gar nicht immer Sieger, nein!
Ein Meinungsstreit tut manchmal Not –
doch: Schlag die Toleranz nicht tot,
die eignen Standpunkt kennt und liebt,
jedoch auch andern Freiraum gibt.
Denn: „Toleranz“ heißt Deutsch: erleiden,
dass andre oft ’was andres meinen,
heißt, klar benennen, was verschieden,
doch nicht: zerstörn, was andre lieben,
was andren Menschen heilig ist,
nicht treten, beugen, bis es bricht.
Verschiedenheit erzeugt auch Leid,
doch immer Siegen
Einsamkeit.
(Rüdiger Fuchs 1998/2004)