Die
Anfrage der Steine
Siehst du die Steine dort im
Fluss? Ein jeder lang’ schon liegen muss,
vom Wasser Jahr für Jahr
umspült, das um die Steine fließt und wühlt.
Doch:
Würdest du einen heraus ’mal
nehmen und dann zerschlagen, würdest du sehen:
Der Stein ganz außen nass
zwar ist, das Wasser aber schafft es nicht,
auch in sein Inneres einzudringen
und frisches Nass hinein zu bringen.
Urzeiten hat es das probiert
– mit null Erfolg! Nichts ist passiert.
Wüstentrocken bleibt’s im
Stein. Das Wasser drang nicht in ihn ein.
Und auch das Bisschen
Feuchtigkeit verdunstet schon nach kurzer Zeit,
das solch ein Stein ganz
außen hat, denn Luft und Sonne trocknen’s ab.
Sobald du aus dem Fluss ihn
nimmst, den Stein, und ihn an’s Trock’ne
bringst,
dann wird sein Äuß’res gleich dem Inner’n:
Vollkommen trocken, ohne Schimmern.
So sind ganz viele Menschen
auch: Nur äußerlich sieht’s „christlich“ aus.
Das Wasser der Taufe
verdunstete bald. Auch christliche Bräuche, ziemlich alt,
umspülen sie zwar Jahr für
Jahr, all’ das, was fast schon immer war –
doch:
Weihnachts-, Kar- und
Osterzeit, Pfingsten und Dreieinigkeit
und all’ die Bräuche schaffen’s nicht. Manch’ Mensch wohl gerne steinhart
ist.
Selbst Taufe und
Konfirmation und Hochzeit in ’nem Kirchen-Dom
und Feste noch dergleichen
mehr „verdunsten“ und das Herz bleibt leer.
So, wie im Fluss die Steine
liegen und nur von außen Wasser kriegen,
so lebt und bleibt man in
dem Strom der alten Christen-Tradition.
Nur außen „christlich“, doch
„trocken“ innen. Es konnte Jesus nicht gelingen,
in Kopf und Herz hinein zu
kommen. So Manchen hat er nicht gewonnen,
der lebt nur in den Tag
hinein, ganz ohne Gott, mit Herz wie Stein.
Man liebt dann weder Gott
noch Menschen. So viele woll’n an sich nur denken.
Sie sind in sich
versteinert, „trocken“ – und – wenn ihr Körper wird gebrochen,
wenn’s auf die letzte Reise
geht und wenn’s für Christlichkeit zu spät,
dann, wenn die äuß’re Hülle stirbt, die inn’re
Wüste sichtbar wird:
Da ist kein Gottvertrauen
mehr, und das Gericht kommt hinterher,
denn ewig wird uns dann
gegeben, was wir uns wünschten hier im Leben.
Wer ohne Gott hier wollte
bleiben, dem wird auch dort sein Licht nicht scheinen.
Wer hier nicht wollte Gott
zum Freund, hat ihn auch nicht in Ewigkeit.
Einsamkeit in dieser Zeit und
Einsamkeit in Ewigkeit,
ohne Gott und andere
Menschen, folgt auf gottloses Leben und Denken.
Wenn wir leben wie die
Steine, bleiben wir wie sie: alleine.
Doch:
Einsamkeit der Steine ist
für Steine gut, für Menschen nicht!
Ein echter Christ,
der schon im Leben hat Gott im Herzen Raum gegeben,
der auf das Wasser seiner
Taufe auch Antwort gab und Jesus glaubte,
dem spürt man’s noch im
Sterben ab, dass er den Schöpfer bei sich hat.
Und stirbt die äuß’re Hülle dann, kommt solch ein Mensch bei Gott gut an.
„Wer mir vertraut“,
spricht Jesus Christ „dem bin ich hier und dort das Licht.“
Willst du so wie ein Stein
nur sein? Lässt du kein „Wasser“ in dich ’rein?
Kein Wort der Bibel? Kein
Gebet? nichts von all’ dem, was jährlich geht
an uns vorüber immer wieder:
Christliche Bräuche, Feste, Lieder?
Gottes Liebe uns umspült –
hast du dieses nie gefühlt?
„Selbstverständlich“,
unsichtbar, fließt Gottes Segen Jahr für Jahr,
und weil dies jedes Jahr
geschieht, drum abgestumpft man’s übersieht.
Hast du dir schon mal
überlegt, wie stark der Alttag ist geprägt
bei uns noch immer von dem
Mann, der einst zur Welt im Viehstall kam?
Ein Stein, der kann und muss
nicht fühlen, dass frische Wasser ihn umspühlen.
Doch: Du? Willst du ein
Stein bloß sein? Lässt Gottes Liebe nicht herein?
Die Welt, sie änderte sich
kaum: Die Mehrheit gibt dem Herrn nicht Raum,
wie damals nicht dem „heil’ge Paar“ mit Kind ein Gasthaus offen war...
Gott will aus Steinen
Menschen machen, die hoffen können, weinen, lachen,
Menschen, die Gefühle
zeigen, die – wo Unrecht ist – nicht schweigen,
Menschen, die Gemeinschaft
leben, die einander Hände geben,
die sich Zeit und Liebe
schenken, teilen können, freundlich denken –
und – die nicht wie tote
Steine für sich leben und alleine!
Gott will’s machen, und das
kann ER! Gott schafft Menschen, die einander
gute Weggefährten sind:
Frauen, Männer, Greis und Kind,
Menschen, die schon in der
Zeit leben für die Ewigkeit.
(Rüdiger Fuchs 1997,
Weihnachtspredigt, nach einem
Gleichnis des Inders Sadu Sundar Sings)