Die zwei Möglichkeiten

 

Zwei Menschen mussten zum Masseur.

Sie hatten beide ein Malheur,

ein krankes Bein, das hatten sie.

Massieren sei die Therapie,

so sagte der Arzt, die Heilung bringt.

D’rum sind die beiden hingehinkt

zu einem Physiotherapeuten

und seinen angestellten Leuten.

Doch: Als man dort mit fester Hand

die Beine massierte, die, die krank,

da stöhnte und schrie nur einer von beiden.

Der andere schien nicht zu leiden.

Er pfiff ein Lied beim Beinmassieren.

Sein Nachbar schien fast zu krepieren

als beide auf der Pritsche lagen

und ließen von Masseur’n sich plagen.

Sag mir ganz ehrlich, ohne Scherz,

warum verspürst du keinen Schmerz,

beim Klopfen, Drücken, Strecken, Kneten?

Ich könnt’ dem in den Hintern treten,

der mich massiert, dem Folterknecht!

Warum geht’s dir dabei nicht schlecht?

 Ich halt’ es nicht mehr aus zu leiden!

So fragte der erste nachher den zweiten,

Ganz einfach“, sprach da der zu ihm,

Ich halt’ das heile Bein nur hin

und geb es als das Kranke aus!

So komm’ ich ohne Schmerzen ’raus

aus dieser Foltertherapie.

Die kneten nur mein heiles Knie...

Und die Moral von der Geschicht’?

So mancher Mensch, der traut sich nicht,

des Übels Grund zu therapieren

und lässt nicht wirklich sich kurieren.

Dem Übel auf den Grund zu gehn

ist meist ja schmerzlich unbequem.

Doch: wer die Müh’n und Schmerzen scheut,

der kommt letztendlich nicht sehr weit.

Man kriegt nicht nur ein heiles Bein,

lässt man sich auf Kurierung ein.

Im ganzen Leben ist es so:

Nur Leidbeseitigung macht froh

und stark wird nur, wer Leid durchsteht

und nicht die leichten Wege geht.

(Rüdiger Fuchs 1998/2004, nach einem Witz und Mt 7,13-14)