Erbschaftsstreit
„Christus,
der ist mein Leben
und
Sterben ist mein Gewinn“ –
so
singt die Trauergemeinde.
„Jawohl,
das macht doch Sinn!“,
denkt
freudig Herr Bestatter Otto.
„Ich
lebe gut von diesem Motto,
das
jene Leute heute singen,
denn
Sterben lässt die Münzen klingen!“
Doch
heut’ ist nicht nur er Gewinner,
denn:
die da singen, diese Spinner,
bloß
lammfromm tun. Sie sind zerstritten.
Familienbande
sind zerschnitten.
Sie
singen mit geballter Faust
zwar
christlich fromm, doch innen kalt
und
wissen schon, dass nach der Leier
es
um die Erbschaft furchtbar knallt!
O,
Gott, welch übergroßes Leid
bringt
in die Welt ein Erbschaftsstreit!
Der
Sterbende ist noch nicht tot,
da
giert der erste Vollidiot
nach
dessen Hab und Geld und Gut.
In
ihm brennt Raffgier heiß wie Glut.
Kein
Testament, kein letzter Wille
des
Sterbenden wird akzeptiert.
Der
Gierhals will am liebsten alles
mit
aller Macht und ungeniert
und
bricht vom Zaun – mit Anwalt – Streit.
Der
Anwalt? Der ist hoch erfreut.
Er
wittert Anteil an der Beute
und
schreibt mit Absicht scharf im Ton!
Jetzt
kochen auch die andern Erben
und
sind empört; „Der will uns drohn,
der
Blödmann?! Na, der soll mal sehn!
Wir
werden auch zum Anwalt gehn!“
Sie
nehmen sich ’nen Rechtsbeistand
Und
schon ist Erbschaftskrieg entbrannt!
Ach,
nein, die „frommen“ Hinterblieb’nen,
die
war’n vielleicht schon vorher Geier.
Im
Herzen kochte längst schon Krieg
noch
vor und bei der Trauerfeier.
Denn
jeder hoffte auf sein „Glück“,
sprich:
auf der Erbschaft bestes Stück.
So
machen jetzt wohl nur noch schlimmer
Die
Rechtsverdreher der Partei’n,
was
in den Herzen längst begann.
Nun
kommt noch Anwaltsgift hinein,
um
letzte Freunde zu entzwei’n.
Denn:
Anwalts-Honorar erst wächst,
wenn
alle sind „ganz tief verletzt“.
Sie
kämpfen dann durch die Instanzen.
Der
Rechtsstreit wird jetzt immer teurer.
O,
wie die Erbschaftsgeier kreisen –
der
Anwalt ist der größte Geier.
Am
Ende wird dann aufgeteilt,
was
einst der Tote hat besessen,
und
siehe da: vielleicht fast alles
wird
von den Kosten aufgefressen.
Auch
die Gesundheit und die Nerven
der
jahrelang zerstritt’nen Erben
sind
ebenfalls stark angeschlagen,
bei
manchen auch der schwache Magen.
So
müssen sie wohl früher sterben,
und
früher streiten ihre Erben.
Die
Wirtschaft brummt, der Rubel rollt,
beim
Menschentanz um’s Kalb aus Gold.
Auch
Ärzte und die Krankenkassen
gern
sich die Kassen füllen lassen.
Ich
frage dich: Was ist der Sinn?
Was
streitest du um Gut und Geld?
Wir
sind doch alle kurz nur hier,
sind
Gäste nur auf dieser Welt.
Gott
weiß allein, wie groß das Leid
Auf
Erden ist durch Mammon-Streit.
Der
Streit um Gold, Schmuck, Geld, um’s Erben.
Doch:
müssen wir nicht alle sterben?
Lachhaft,
wenn’s nicht traurig wär’,
ist
solche Gier nach mehr und mehr,
ganz
lächerlich und für die Dummen,
die
dieses eine niemals fassen:
Das
letzte Hemd, auch das des Reichsten,
das
letzte Hemd hat keine Taschen.
D’rum mach mit schnödem Mammon Freude
in
deiner kurzen Erdenzeit
und
mach nicht reich nur jene Leute,
die
reicher macht ein Erbschaftsstreit.
Und
mach nicht krank die nächsten Menschen
mit
blinder Raffgier – sei kein Narr!
Du
solltest lieber daran denken:
Wer
and’re quält, lebt in Gefahr!
Gott
zahlt mit gleicher Münze heim
dem,
der auf Erden Schwein will sein.
Dies
eine, dies steht jetzt schon fest:
Was
du hier tust und was du lässt,
nichts
davon ist vergang’ne Sache.
Es
kommt bei Gott nochmals zur Sprache.
(R. Fuchs, 2004)