Menschlichkeit

 

Ist Glas zersprungen, gibt es Scherben,

die - auch geklebt - nie wieder werden

wie früher: ohne Riss und Kratzer.

Kein Mensch bleibt ohne schwere Patzer.

Wenn uns mal ’was daneben geht,

ist’s für Verbess’rung meist zu spät.

Ein Fehler, ist er erst geschehen,

lässt häufig sich zurück nicht nehmen.

Eingestehen und verzeihn,

vergeben und wem gnädig sein –

nicht einer von uns kommt drum ’rum.

Wer nicht verzeihn will, der ist dumm!

Denn: Ehe man es sich versieht,

ein Fehler gerade dem geschieht,

der gnadenlos nicht wollt’ vergeben.

Nun muss er selbst von Gnade leben!

In Sachen Schuld bleibt Rollentausch

selbst bei den Besten niemals aus.

Mal gibst du und mal brauchst du Gnade.

So ist das Leben. Jammerschade,

wenn du dies hart und stolz vergisst,

wenn du wie’n kalter Eisklotz bist,

in dessen Nähe wer erfriert,

wenn ihm ein Missgeschick passiert.

Sei Schuldigen ein Zufluchtsort.

Sprich gerne das Versöhnungswort,

wenn einer bittet: ‚Komm, verzeih!

Mach ihn von seiner Last doch frei.

Vergebung, das ist Menschlichkeit.

Ohne sie kommt keiner weit.

 

(Rüdiger Fuchs 2003)