Morgenspaziergang

Ein Pastor ging einmal spazieren,

um die Gedanken zu sortieren,

eig’ne und Gemeindesorgen.

So ging er in den neuen Morgen.

Die Vögel sangen, es war schön.

Herrlich ist’s spaziern zu gehn!

In den Bäumen spielt der Wind.

Wie schön doch all die Wunder sind

in deiner Schöpfung“, betet er,

ich danke dir dafür, mein Herr!

Er stapfte in den Gummistiefeln

am Bach entlang und durch die Priemeln

und warf verträumt auch mal’n Stein

mit Spaß am Plumps ins Wasser rein.

Da – unweit klangen Kirchenglocken.

Die woll’n wohl wen zum Kirchgang locken“,

denkt unser Pastor still bei sich.

Nein, heute lockt mich’s Kling-Klang nich’!“,

der Seelenhirte lächelnd sprach

und schritt gemächlich durch das Gras

der feuchten, schönen Blumenwiese –

doch: dann kam’s anders, und zwar fiese!

Ich bin der Pastor!“, fällt’s ihm ein,

wie konnt’ ich nur so blöde sein!

Plötzlich siedend heiß wird ihm,

wie’n Blitz jagt’s ihm jetzt durch den Sinn:

Die Glocken da, die läuten ja

zum Gottesdienst, das ist doch klar,

den er, oh Schreck, oh Graus, vergessen.

Nun rennt er aber wie besessen.

’Ne viertel Stunde, dann geht’s los!

Panik packt ihn, riesengroß!

Er stürmt ins Pfarrhaus, kämmt sein Haar,

springt zeitgleich fast in den Talar,

ein Stoßgebet noch auf dem Weg,

so kommt er hin, nur leicht zu spät,

zur Kirche, ihm ist Angst und bang –

jedoch der Gottesdienst gelang.

Nicht mehr vom Blatt, dafür von Herzen,

gespickt mit ein paar netten Scherzen,

tat er sein Werk, halleluja!

Gott ist für seinen Diener da!

 

Der Herr gab ihm Ideen ein

und Worte, wunderbar, so fein.

Am Ende waren alle froh

und unser Pastor sowieso.

Er war sogar sehr hoch erfreut,

denn fröhlich war’n die Leute heut’.

Die grinsten, lachten, waren nett.

Solch’ Schäflein gern ich immer hätt’.“

So denkt der Pastor, als sie gehn

und bleibt im Kircheingang noch stehn.

Wie er jedoch bei sich sinniert,

ist schließlich Folgendes passiert:

Nachdem der Gottesdienst war aus

und alle Leute grade ’raus,

da hat der Küster es gewagt

und unsern Pastor dies gefragt:

Warum, Herr Pastor, guter Mann,

ha’m sie heut’ Gummistiefel an?

 

(Rüdiger Fuchs 1998)