Wie geht es Gott?- ein Traum...

 

In einem stillen Augenblick, im Abendrot am See,

da kehrte das Paradies zurück. Mein Herz sprach: „Ich versteh

wie Gott sich seine Welt erträumt. Ich höre, wie er traurig weint:

Wo ist mein schöner Glanz hin, den ich der Schöpfung gab?

Da ist nicht mehr der Klang drin wie einst, am siebten  Tag,

als ich mein Meisterwerk genoss, für das ich Schweiß und Blut vergoss.

Nur noch im kurzen Augenblick, beim Sonnenauf- und Niedergang,

kehrt meiner Schönheit Glanz zurück, im Lichtstrahl und im Vogelsang,

im Nebel über Feld und Flur und auf den Waldrandwiesen,

da flüstert leise die Natur von meinem zarten Lieben.“

So hört’ ich Gott ganz leise weinen. Mein Herz tat mir sehr weh.

Dort, als im Abendsonnenscheinen ich saß allein am See.

Jenseits von Lärm und Alltagstrott, dort in der Stille weinte Gott,

der seine Welt und seinen Sohn

uns gab. Wir gaben Spott und Hohn,

verbauten das, was er uns gab, bewahrten aber nicht

und folterten den Sohn ins Grab. Man schlug Gott ins Gesicht.

Doch unsre Wut hat nicht gewonnen – die Nägelwunden brennen!

Bald wird er anders wiederkommen, dann lernen wir ihn kennen!

Schon grollt es dumpf am Horizont. Die Schöpfung will nicht länger leiden.

Ihr folgt der Schöpfer. Wenn er kommt, dann wird er nicht mehr weinen.

Mit keiner Träne im Gesicht, beginnt er dann sein Weltgericht ...

 

Mit Gottes Schmerz und bösem Ahnen kehrt’ ich bei Nacht vom See nach Haus.

Ich muss die stolzen Menschen warnen, sonst geht die Sache furchtbar aus!,

das wusst’ ich jetzt, das wollte ich. Die böse Ahnung quälte mich!

Doch drinnen saß bei Kerzenlicht ein Mensch mit tiefen Wunden

in Hand und Fuß und im Gesicht. Man hatte ihn zerschunden.

Und leise zitternd weinte er: „Was du willst, wollt’ ich auch.

Doch glaub’ mir, diese stolzen Menschen hält nichts und niemand auf.“

Seit damals sprech’ ich jeden Sonntag mit Schmerz und Angst und still

ring’ ich im Beten um die Menschen, ob einer noch nach Hause will,

bevor der kommt, den wir zerschlagen, versuch’ zur Umkehr einzuladen.

Doch wer will schon den Pastor hören? - Wer lässt seine Ruhe stören?

Die Antwort Gottes, sein Gericht, der stolze Mensch, er fürchtet’s nicht...

 

(Rüdiger Fuchs, 1. Oktober 2003)