Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Lensahn
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23. September 2019


Der Rollstuhl: Sport vs. Alltag

 

Vom 16.9. - 20.9. 2019 hatte ich in Lübeck mein Einführungsseminar. Gleich am ersten Abend fuhren wir mit dem Bus an den Rand der Stadt, wo wir in einer Turnhalle mit Rollstühlen ausgerüstete wurden und und versuchen sollten so Basketball zu spielen.

 

Nachdem wir uns mit der grundlegenden Steuerung der Rollstühle auseinandergesetzt hatten, lernten wir erst einmal verschiedene Techniken um den Ball zu werfen, ihn vom Boden aufzuheben oder ihn in den Korb zu bekommen. Es machte richtig Spaß und gegen meine Erwartungen fühlte ich mich nicht in meinen Bewegungen eingeschränkt, sondern frei, da man sich in so einen Sport-Rollstuhl sehr schnell bewegen konnte.


Danach wurden wir in Gruppen aufgeteilt, die gegeneinander antreten sollten. Da jedoch bei den Profis, von denen einige tagtäglich im Rollstuhl sitzen mussten, noch Spieler gebraucht wurden, meldeten Madita und ich uns freiwillig zum Mitspielen. Wir spielten Mädchen gegen Jungs und tatsächlich gelang es mir 5 Körbe zu werfen, was mich motivierte mich noch mehr anzustrengen.

 

Nach einiger Zeit protestierten jedoch meine Hände gegen das ständige Rollen der Räder. Ich bekam Blasen an den Fingern, was ziemlich schmerzhaft ist, wenn man nebenbei versucht einen Rollstuhl zu steuern.
Da es zu dem Zeitpunkt schon sehr spät war, waren die meisten auch schon erschöpft und wir verabschiedeten uns von der Gruppe.

 

 

Auch am nächsten Tag beschäftigten wir uns wieder mit dem Thema Rollstuhl. Diesmal bekamen wir jedoch die Aufgabe uns in gehbehinderte Menschen hineinzuversetzen, indem wir einen normalen Rollstuhl ausprobierten.

 

Wir wurden in 3er oder 4er Gruppen aufgeteilt (Madita und ich gingen mit Fiona und Leonie, mit denen wir uns auch ein Zimmer teilten) und sollten mit einem Rollstuhl durch Lübeck wandern. Jeder von uns saß mal in dem Rollstuhl und jeder schob ihn einmal.


In so einem Rollstuhl durch die Stadt gefahren zu werden ist ganz anders, als einen Sport-Rolli in einer Halle zu benutzen. Nicht nur, dass man von vielen angestarrt wird, man fühlt sich auch überhaupt nicht frei. Ganz im Gegenteil: Man ist sehr eingeschränkt.

 

In Lübeck bestehen die meisten Straßen der Altstadt aus Kopfsteinpflaster und diese mit einem klapprigen Rollstuhl zu überqueren ist nicht einfach. Du bist immer auf andere Leute angewiesen. Außerdem geht es häufig bergauf oder -ab und die Läden haben fast alle eine nur schwer überwindbare Stufe.

 

Mittags gingen wir zu einem Dönerladen, wo wir zwar nett behandelt wurden, es aber keine behindertengerechte Toilette gab.


In der Zeit, in der ich im Rollstuhl saß besuchten wir auch die Stadtbibliothek in der es Fahrstühle und Rampen gab. Mit einem solchen Rollstuhl konnte man jedoch nicht in den Gängen wenden und man musste immer jemanden fragen, wenn man an die obersten Regalreihen wollte.

 

Nachdem meine 3/4 Stunde abgelaufen war und ich endlich wieder laufen durfte fühlten sich meine Beine ein wenig Taub und zittrig an, weil ich sie die ganze Zeit nicht bewegt hatte. Ich war auch richtig erleichtert wieder selbstständig zu sein und nicht immer nur den anderen zuschauen zu können, wie sie Dinge ausprobierten, die mir nicht möglich waren.


Am Nachmittag besprachen wir dann in der großen Runde was für Erfahrungen wir gesammelt hatten und wo wir überall waren. Von einigen hörte man sogar, dass sie gehässig behandelt wurden, was ich unmöglich fand. Ich war froh, dass das bei uns nicht passiert ist.

 

 

Rollstuhlfahren kann also sowohl spannend als auch beklemmend sein. Das kommt meiner Meinung nach aber vor allem auf das Umfeld an. Wenn du dich unter Leuten befindest, die seit Jahren mit einem Rollstuhl leben und sich mit diesem schon angefreundet haben ist das etwas völlig anderes als zwischen Passanten, die so eine Erfahrung noch nie gemacht haben und vielleicht auch nie machen werden.


Ich für meinen Teil gucke jetzt viel häufiger auf solche "Kleinigkeiten" wie eine Stufe vor der Ladentür und denke mir dabei: "Die Leute haben wohl keine Ahnung, wie schwer es ist diese mit einem Rollstuhl zu überwinden!"


Ich hoffe ich konnte euch ein wenig zum Nachdenken anregen.

 

Bis zum nächsten Mal
Roxana