Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Lensahn
Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Lensahn

Unser Wort zum Gründonnerstag,

am 9. April 2020,

von Pastor Hans Hillmann

 

 

Das "Wort zum Gründonnerstag" zum Anhören im eigenen Audio-Player:

 

Wort zum Gründonnerstag.mp4
MP3-Audiodatei [17.9 MB]

 

 

 

Liebe Gemeinde,

eigentlich hätten wir heute zusammen gesessen und gegessen. Im Altarraum. An den Wänden die Kerzen. Auf den Tischen schöne Decken, Wein und geräucherte Eier und vielleicht auch wieder die sagenhafte Blauschimmelkäsequiché. Viele hätten eine Leckerei mitgebracht.

 

Stattdessen noch eine Lese-Botschaft. Zurzeit gibt es ständig Botschaften. Texte schreiben, Wort zum Sonntag, Briefe, Zeitungsanzeigen. Die Lücke, die entstanden ist, seit wir nicht mehr leiblich zusammenkommen, versuchen wir mit Botschaften zu stopfen. Das Loch, das da entsteht, weil wir uns nicht mehr hören, riechen oder aneinander stoßen können. Erinnert ihr euch noch daran, wie es ist, wenn man in der Bankreihe sitzt und sich noch ein Spätkommender bei mir durchquetschen will? Hätte ich nie gedacht, aber: Ich vermisse das. Ja, sogar euer Hüsteln, Knarzen und Schnarchen während der Predigt – es fehlt mir.

 

Was da fehlt, die Lücke, die da klafft, können die vielen Botschaften nicht füllen: Osterbrief, Videogruß, Audiobotschaft im Mp3, wave oder podcast-Format, Fernsehgottesdienst und natürlich – Voilá – die Lesepredigt im Internet. Es ist alles gut gemeint, manches gut gemacht, nichts davon kommt dem gleich, wie es ist, zusammen da zu sein.

 

Klar, es ist gut, dass sich die Kommunikationswege vervielfältigt haben. Und doch, ich will ehrlich sein – die vielen Digitalformate bleiben auch irgendwie schal. Konsumgüter neben anderen. Sie ersetzen den Gottesdienst nicht: Die viel zu kalte Kirche. Die viel zu harte Kirchenbank. Den viel zu schiefen Gesang meines Nachbarn, der doch in den Stimmen der vielen anderen irgendwie getragen wird und ohne den es nicht geht.

 

Warum ersetzen die vielen Botschaften und Mitmach-Versuche auf der Mattscheibe nicht den einen Gottesdienst in der Woche?

 

Es kann an mir liegen. Vielleicht bin ich zu engstirnig. Vielleicht liegt es aber auch am Wesen des christlichen Gottesdienstes. Denn: Gottesdienst ist mehr als Kommunikation. Gottesdienst ist mehr als Kommunikation mit Gott, Kommunikation miteinander, Kommunikation des Evangeliums, wie es in Theologenkreisen so schön heißt.

 

Christus sagt:

 

»Wo zwei oder drei zusammengeführt werden in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Matthäus 18,20

 

Zwei oder drei, die zusammenkommen in seinem Namen – das ist das Spielfeld der Gegenwart Jesu. Kein Wort darüber, was die zwei oder drei da machen: Singen? Nö. Das muss nicht. Vaterunser? Gehört nicht wesentlich dazu. Überhaupt Gebet? Fehlanzeige! Predigt? Keine Rede davon. Und Segen? – Ich glaube, das Muster ist klar geworden. Kein Wort darüber, was die zwei oder drei Zusammengeführten da machen. Das ist beliebig. Aber: In Jesu Namen sind sie zusammengeführt.

 

Das ist eine sperrige, unklare Formulierung. In Jesu Namen zusammen sein – was heißt denn das?

 

Der Name ist Aufruf, Anruf, einer Gegenwart. Ich sage »Thomas!«, und Thomas – sofern er in der Nähe steht – weiß, dass er gemeint ist, dreht sich zu mir, ist ganz da und teilt mit mir den Augenblick in der Erwartung, dass ich noch etwas sage. Der Name ruft eine Gegenwart auf die Bühne, ein Hiersein, ein Jetztsein.

 

Die da zusammengeführt werden, sie kommen nicht nur an dem Namen Jesu zusammen. Sondern in dem Namen. Auch wenn sie sonst vielleicht nicht viel gemeinsam haben, in dem tiefen Wunsch – »Herr, komm!« –, da sind sie sich einig, da sind sie eins. Wenn zwei oder drei zusammengeführt werden, weil sie alle die Sehnsucht auf den Lippen haben – »Jesus, komm!« – »…da bin ich mitten unter ihnen.«, sagt er.

 

Gottesdienst – wenn er denn glückt – ist dieses gemeinsame Eintauchen in seine Gegenwart, sein Hiersein, sein Jetztsein. Wenn zwei oder drei das zusammen erleben, werden sie es nie wieder vergessen und sehnen sich danach, wie täglich nach Brot und Butter.   

 

Dieses Zusammenkommen, dieses Eins-Werden von zweien oder dreien mit der Gegenwart Jesu, das ist mehr als Kommunikation. Es ist Communio. Zusammen (com) eins (unus). Kirche ist nicht Gebäude, Kirche ist auch nicht Verein – Kirche ist Ereignis. Da wo die Gegenwart Jesu Christi Menschen zu Brüdern und Schwestern macht, da ist Kirche. Deshalb kann man zwar die Kirchen schließen, aber man kann die Kirche nicht schließen. Mag sein, dass wir nicht zwanzig oder dreißig sind, die das in diesen vorösterlichen und dann auch österlichen Tagen teilen. Aber um Kirche zu sein, reichen zwei oder drei, die sich einig werden und sagen: »Herr, komm in dieses Haus.«

 

Dazu gehört auch Kommunikation – Lieder, Gebete, Worte, Gesten – aber eben nur als Teilaspekt der Communio. Kommunikation ist, wenn zwei oder drei Gegenüber bleiben und interagieren. Communio ist, wenn zwei oder drei Gegenwart teilen und sich vereinen. Deutlich wird Communio außerhalb des Religiösen im Fußballstadion. Die Gelbe Wand in Dortmund ist nicht deshalb so legendär, weil sie besonders laut ihre Fangesänge kommuniziert, sondern weil sich ein Einzelner, der auf der Südtribüne landet, dem kaum entziehen kann, was da passiert: Er wird Teil einer Einheit, die über ihn selbst hinausgeht und die er allein nicht herbeiführen könnte.

 

Communio ist Ereignis. Kirche ist Ereignis von Communio von Menschen und Gott, wobei Kommunikation immer nur ein Teilaspekt ist. Darum trifft ein Versammlungsverbot die Kirche auch im Digitalen Zeitalter noch in ihren Grundfesten. Das spüre ich, das spüren wir zu Ostern besonders stark.

 

Und dennoch trage ich den Verzicht auf die Gemeinschaft mit, weil es kein ideologisches Verbot ist – darum hingt auch jedweder Vergleich mit der braunen Diktatur oder der Rolle der Kirche in der DDR (wie jüngst von Peter Hahne vorgetragen). Wir kommen nicht zum Osterlob in den Kirchen zusammen, weil es etwa verboten wäre – Nein! Sondern weil wir so die Schwächeren schützen. Weil Jesus viel mehr ein Freund der Schwachen ist als ein Freund von Ritualen. Gott braucht Ostern nicht. Er braucht auch unser Osterlob nicht. Er freut sich daran. Und wir brauchen es. Und ja, der Mensch lebt nicht vom Brot allein – wir brauchen dieses Osterlob mehr, als wir den Getränkemarkt brauchen (solange es Leitungswasser gibt), auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.

 

Aber so wahr der Gedanke ist, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, so wahr ist auch, dass man eine Weile auch mal ganz gut mit geistlichem Knäckebrot über die Runden kommt.

 

Videos und Handzettel, die stille offene Kirche und Audiopredigten – das mag alles im Vergleich zum »Festtagsbraten Gottesdienst« nur Knäckebrot sein, aber – hey – das ist für ein paar Wochen mal auzuhalten. Welch ein Segen wäre es gewesen, wenn es dieses Knäckebrot zu Pestzeiten schon gegeben hätte!

 

Eines lehren mich diese Tage in jedem Fall: Es geht nicht ohne euch. Wir brauchen einander. Die zwei oder drei oder zwanzig oder achtzig, die da sonntags zum Gottesdienst oder unter der Woche zum Chor oder Hauskreis zusammenkommen – das ist das Ereignis, das Kirche ist. Jesus hat das gewusst. Am Vorabend seines schwersten Tages hat er zu Tisch gerufen. Er hat seine Freunde zusammengeführt in seinem Namen, in seiner Gegenwart. Johannes zu seiner Linken, Petrus zu seiner Rechten. Und auch den Verräter Judas nur eine Armlänge entfernt. Da gab es nichtmehr viel zu reden. Vom Essen ist uns überliefert. Vom Zusammensein mit Jesus.

 

Der Name Gründonnerstag kommt nicht vom Wort grün, sondern von »greinen«. Im Wörterbuch heißt es bei greinen: »[schmerzlich den Mund verziehend] leise und kläglich vor sich hin weinen«. Es ist der Abend, der eigentlich allein nicht zu ertragen ist. Jesus hat seine engsten Freunde um sich versammelt, um ihn zu ertragen. Den Abend des Weinens vor dem Tag des Schreiens und Verstummens.

 

Erwartet jetzt nicht von mir, dass ich etwas Tröstliches sage. Es ist Gründonnerstag. Wir hätten jetzt zusammen essen und sitzen und, ja, auch kommunizieren sollen. Aber nun quatsche ich hier in mein Mikrofon, dass gar nicht schmeckt, und ihr sitzt vor eurer Mattscheibe. Hoffentlich nicht allein. Denn heut ist der Abend vor dem Tag an dem der Mensch sein Urteil über Gott gesprochen hat: »Kreuzige, kreuzige ihn!« Für die ungeteilte Schönheit, den unverfälschten Frieden, die allgeduldsame Liebe, für das Gesicht des Christus war und ist kein Platz.

 

Und er? Ist trotzdem da. Da, wo zwei oder drei zusammen rufen, flüstern oder weinen: »Herr, komm!« Und dann zusammen Blaumschimmelkäsequiché teilen. Oder auch mal: Knäckebrot.

Amen.

 

 

Hier noch das "Wort zum Gründonnerstag" als pdf-Datei zum Download:

Wort zum Gründonnerstag.pdf
PDF-Dokument [113.6 KB]

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